Am Freitag, dem 9. Oktober, kamen nach Angaben der Veranstalter rund 8.000 Menschen auf der Reichstagswiese in Berlin zusammen. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), Campact und ein Bündnis aus rund 300 Unterstützern aus Wirtschaft, Gewerkschaften, Umweltverbänden und Kommunen hatten unter dem Motto „Erneuerbare Energien: Ausbauen statt Ausbremsen!“ dazu aufgerufen. Wir waren auch dabei.

Anlass sind die EEG-Novelle und das Netzanschlusspaket, über die der Bundestag derzeit berät. Das Bündnis kritisiert, dass beide Entwürfe Investitionsrisiken für eine Branche mit mehr als 436.000 Beschäftigten schaffen, und das genau in dem Moment, in dem Deutschland sich das am wenigsten leisten kann.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Der Iran-Krieg und die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus haben erneut gezeigt, wie sehr Europas Energieversorgung an der Geopolitik hängt. Henning Kruse von Kruse Milch & Energie brachte es in Berlin auf den Punkt: „Unsere Energieversorgung sollte nicht davon abhängig sein, was irgendwo anders auf der Welt entschieden wird.“
Die Forderungen gehen über Förderung hinaus
Ein Großteil der Berichterstattung dreht sich um die Einspeisevergütung für kleine PV-Anlagen. Die vier Forderungen des Bündnisses beschreiben aber etwas Größeres, nämlich ein resilientes Energiesystem:
- Einen gesetzlichen Rahmen, der Planungssicherheit, Investitionsanreize und Wirtschaftlichkeit der Erneuerbaren sichert.
- Eine Ausbauoffensive für Verteilnetze, Stromspeicher und die Digitalisierung des Energiesystems.
- Europäische Unabhängigkeit durch eine eigene Herstellerindustrie und ihren Schutz vor unfairem Wettbewerb.
- Eine niedrigere Stromsteuer für alle, damit E-Autos, Bahnfahren und Wärmepumpen attraktiver werden.
Zwei der vier Forderungen drehen sich um Unabhängigkeit und digitale Infrastruktur. Genau hier sollte unsere Branche genau hinschauen.
Warum Elektrifizierung eine Frage der Versorgungssicherheit ist
Deutschland deckt noch immer rund zwei Drittel seines Energieverbrauchs mit Öl und Gas. Der unabhängige Energieexperte Tim Meyer beziffert die fossilen Energieimporte auf rund 80 Milliarden Euro pro Jahr. In der Krise 2022 kamen gut 60 Milliarden obendrauf, und erste Schätzungen für dieses Jahr liegen wieder bei 20 bis 30 Milliarden zusätzlich. „Das Geld ist einfach weg“, sagt Meyer.

Auch Strom ist davon bislang nicht entkoppelt. In Deutschland setzen sehr häufig Gaskraftwerke den Preis am Strommarkt, sodass die Strompreise wesentlich am Gaspreis hängen. Deshalb trägt das Argument des Bündnisses: Wer teures fossiles Gas durch Erneuerbare ersetzt, senkt die Strompreise für alle.
Der übliche Einwand ist die Größe der Aufgabe. Doch die Energiestatistik übertreibt sie. Sie zählt, was hineingeht, und das meiste davon wird mit hohen Verlusten verbrannt. Ein Verbrenner bringt nur etwa 25 % der Energie im Kraftstoff auf die Straße. Ein Elektroantrieb ist gut dreimal so effizient, und eine Wärmepumpe macht aus einer Einheit Strom drei bis vier Einheiten Wärme. Wenn wir elektrifizieren, brauchen wir gut Faktor drei weniger Energie, als die Schlagzeilenzahlen nahelegen.

Installierte Kapazität ist souveräne Kapazität
Man könnte einwenden, dass der Ausbau von Wind, Solar und Batterien nur eine Importabhängigkeit gegen eine andere tauscht. Meyer benennt den grundlegenden Unterschied:
„Ein Solarmodul, das in Deutschland installiert ist, das ist da. Es wird nicht abgeschnitten. […] Die Windmühlen drehen sich weiter, die Solaranlagen laufen auch weiter.“
Ein Barrel Öl muss jeden Tag neu gekauft werden. Eine Windenergieanlage wird einmal gekauft und liefert dann 20 bis 30 Jahre lang, und niemand kann sie blockieren. Die Lieferkette für Komponenten ist eine echte Abhängigkeit, deshalb fordert das Bündnis eine europäische Herstellerbasis. Die installierte Flotte aber ist souveräne Kapazität.
Dafür gibt es eine Bedingung, und an ihr arbeiten wir jeden Tag: Die Anlage muss laufen. Jede Stunde, in der eine Anlage wegen eines unentdeckten Lagerschadens, eines Getriebeproblems oder eines schleichenden Leistungsverlusts stillsteht, geht ein Stück dieser Unabhängigkeit verloren und muss als Gasstrom zu einem geopolitisch bestimmten Preis zurückgekauft werden. Ausbau ist die richtige Forderung. Was auf der Liste in Berlin fehlte, ist ihr Gegenstück: das Beste aus dem herausholen, was bereits steht.
Digitalisierung heißt Kontrolle über Daten
Die zweite Forderung stellt die Digitalisierung des Energiesystems neben Netze und Speicher, und das zu Recht. Meyer warnt, dass die nächste Abhängigkeit in der Steuerungstechnik liegt: „Wir müssen schon aufpassen, dass uns nicht irgendwer, bildhaft gesprochen, den Strom ausschalten kann aus dem Ausland.“ Europa ist stark in Elektrotechnik, Mess-, Steuer- und Regelungstechnik und Software, und diese Stärke sollte es gezielt nutzen.
Wir würden ergänzen: Souveränität über die Steuerungsebene beginnt mit Souveränität über die Daten. Wer den Zugang zu den Betriebsdaten einer Anlage kontrolliert, entscheidet, wer sie überwachen, optimieren und warten darf. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass der EU Data Act in der Praxis ankommt, wie in unserem Positionspapier zum EU Digital Omnibus beschrieben. Eigentümer brauchen echten Zugang zu den Daten ihrer eigenen Anlagen und einen wettbewerbsfähigen europäischen Markt unabhängiger Service- und Softwareanbieter, die damit arbeiten können.
Was das für Windparkbetreiber bedeutet
- Verfügbarkeit ist Energiepolitik. Jede MWh aus Bestandsanlagen ersetzt importierte fossile Energie. Frühe Fehlererkennung und weniger ungeplante Stillstände sind ein direkter Beitrag zur Resilienz.
- Die Bestandsflotte ist das Asset, das niemand blockieren kann. Investieren Sie in ihren guten Betrieb, nicht nur in neue Kapazität.
- Behalten Sie die Daten- und Steuerungsebene in der eigenen Hand. Nutzen Sie Ihre Rechte aus dem EU Data Act und arbeiten Sie mit Anbietern, deren Software und Daten in Europa bleiben.

Die Botschaft aus Berlin lautete „Ausbauen statt Ausbremsen“. Dem stimmen wir voll zu. Europa wird mit jeder neuen Anlage unabhängiger, solange sich die Anlagen, die wir schon haben, weiterdrehen.
Teilnehmerzahl, Forderungen und Zitate von der Demonstration folgen der Pressemitteilung des BEE vom 9. Oktober 2026. Import- und Effizienzzahlen nach Angaben des Energieexperten Tim Meyer.














